Dres. Hilde + Jules Saxer . Tel. 056 250 65 65
Dr. Marcel Frei . Tel. 056 250 63 33
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Einsatz zu Gunsten von Spaltenkindern in Kirgistan

Die Stiftung „Zuversicht für Kinder“ http://stiftung-zuversicht.ch hat seit Jahren in Kirgistan mit einheimischen Ärzten ein Zentrum aufgebaut, um Kinder mit Lippen-Kiefer-Gaumenspalten zu einem normales Leben zu verhelfen. Frau Dr. Brigitte Winkler und ihr Team aus Schweizer und Deutschen Ärzten haben inzwischen kirgisische Chirurgen soweit ausbilden können, dass diese selbständig viele Operationen ausführen können.  Der frühe Verschluss der Lippe lässt die Kinder und deren Familien sozial nicht im Abseits stehen.

Für die langjährige Betreuung  der Kinder ist ein Team aus Chirurgen, Hals-Nasen-Ohrenärzten, Logopädinnen und Kieferorthopäden nötig.  

Vom 17. – 30. Juli  2015 flog nun Dr. Marcel Frei zum ersten Mal nach Osch, Kirgistan, um die neu eingerichtete Kieferorthopädische Klinik und das dortige Spital-Team kennen zu lernen und zu unterstützen. Das Ziel ist zusammen mit Kieferorthopäde Dr. H.P. Meng aus Spiez in den kommenden Jahren junge Zahnärzte zu Kieferorthopäden auszubilden, damit im Team der Spaltenkinder-Versorgung mitarbeiten um den Bedürftigen eine optimale Betreuung zu gewähren. Mehr dazu im folgenden Bericht:

Bericht zum Einsatz im Juli 2015 in Kirgistan zu Gunsten von Spaltenkindern, Dr. Marcel Frei

 

Der Empfang mitten in der Nacht am Flughafen Osh war sehr herzlich. Die Buchung im Hotel hatte geklappt und sowohl WiFi als auch Klimaanlage im Zimmer funktionierten, sodass ich bereits ein ganz passables „Heim“ hatte.

 

Ich wurde am Wochenende durch die Sehenswürdigkeiten der Stadt geführt und lernte sowohl die Dolmetscherin als auch die Ärzte kennen, mit denen ich die kommenden zehn Tage zu tun haben würde.  Ich durfte bereits alle lokalen Spezialitäten probieren und hatte danach prompt schon Verdauungsprobleme.

 

Am Montag sah ich dann erstmals das Spital und lernte weitere Leute dort kennen, zum Beispiel den stellvertretenden Leiter. Alle hiessen mich herzlich willkommen und drückten ihren Dank aus, dass die Stiftung „Zuversicht für Kinder“ erneut das Spital besucht und mit weiteren Geldern Behandlungen ermöglicht, die sonst schlichtweg unmöglich wären, hier im Süden Kirgistans. Bereits sah ich von Dr. Abdulrachman operierte Lippen, die sehr schön aussehen. Die 6 Monate alten Jungen und Mädchen hatten dadurch äusserlich bereits viel gewonnen. Später würden weitere Operationen zum Gaumenverschluss nötig werden und mit einsetzen von Knochen im Kieferbereich zusammen mit kieferorthopädischen Massnahmen können diese Kinder hoffentlich auch zu Jugendlichen heranwachsen, die sich nicht verstecken müssen.

 

In der neu eingerichteten Klinik für Kieferorthopädie, angeschlossen ans Spital war ich etwas überrascht, dass dort weder ein Computer stand, noch sonst etwas bereit schien, um behandeln zu können. Trotzdem waren schon erste Patienten zur Konsultation eingeschrieben.

 

Ich erfuhr schnell, wie unrealistisch die Möglichkeiten der Kieferorthopädie durch die jungen Zahnarzt-Kollegen eingeschätzt werden. Alles, wofür bisher niemand einen Lösungsansatz wusste, sollte ich als Kieferorthopäde nun richten?!

 

Ich hatte in meiner Ausbildung gelernt, dass in Asien die Klasse III (Progenie) verbreitet ist (überproportionales Unterkieferwachstum, umgekehrter Frontzahnüberbiss). Ich war aber nicht darauf gefasst, wie viele und wie ausgeprägte Progenie-Fälle ich hier bereits in den ersten Stunden zu Gesicht bekam. Die bei uns in Europa üblichere Klasse II (kurzer, zurückliegender Unterkiefer) ist hingegen kein Thema, also werden Kl. II-Korrekturgeräte sicher nicht die dringendsten Anschaffungen sein.

 

Ich musste vielen Kunden und auch unseren Kieferortho-Kollegen etwas die Illusionen nehmen: Entweder wird Kieferorthopädie ihre Anliegen gar nicht lösen oder dann erst, wenn die Klinik auf einem höheren Niveau und zusammen mit dem ganzen Team gut eingespielt ist. Ich denke da an Behandlungen mit Titan-Pin im Oberkiefer und „Mentoplate“ (auf dem Kinnknochen stabil verankerten Metallhacken) im Unterkiefer, um Progenien anzugehen.  Ein skelettal verankertes Behandlungskonzept, das erst seit wenigen Jahren auch bei uns hier in Bad Zurzach angewendet wird. Die zum Einsetzen der Mentoplate nötige kleine Chirurgie ist im Spital in Osh sicher kein Problem, aber wer wird für die Materialkosten aufkommen? Und ein Zahntechniker, der die nötige stabile Apparatur im Gaumen anfertigen könnte muss auch erst noch ausgebildet und allenfalls mit einem Laser-Schweissgerät ausgerüstet werden.

 

Es lief alles noch unorganisiert und ineffizient, trotzdem klebten wir in der ersten Woche bereits die ersten Brackets, ein Meilenstein für die Klinik, wie ich von allen Seiten spürte und die Patientin sowie ihre Mutter sind unendlich dankbar! Ob die junge Dame begriffen hat, was ich über unsere Zahnärzte und über die Dolmetscherin Schumagul ganz klar habe machen lassen: Wir werden der jungen Dame eine schöne Oberkiefer Front richten können, ihre ausgeprägte Progenie wird vorerst aber bleiben, allenfalls kann dies durch orthognathe Chirurgie später verbessert werden. Es wird jedenfalls in Jahren neu beurteilt und entschieden werden müssen.

 

In einem Land, in dem man Kieferorthopädie kaum kennt gibt es auch keine Dentaldepots, die entsprechende Waren im Angebot haben. Ein Besuch in einem Shop in Osh der China-Waren vertreibt, bestätigte dies. Wir konnten zwar ein paar Brackets finden, aber sinnvolles Material war da nicht zu beziehen und einen Katalog oder dergleichen dass man hätte bestellen können hatte die geschäftsführende Chinesin auch nicht.

 

So flogen wir also wie seit Wochen geplant in die Hauptstadt. Weil meine kirgisischen Kollegen den Flug nach Bishkek aber erst im letzten Moment buchten, ging es am Donnerstag erst bald um Mitternacht los. Trotzdem bestand ich darauf, am Freitag dort bereits um 9.30 Uhr das Dentaldepot aufzusuchen, denn unsere Zeit für den Einkauf  war beschränkt. Es war harte Arbeit, aus den wenigen Materialien, die vor Ort vorhanden sind und aus dem Katalog des einen Anbieters (OC, Ortho Classics, USA) einen ordentlichen Teil der benötigten Materialien herauszusuchen. Dass es mit der Dolmetscherin in Bishkek nicht geklappt hat (sie meldete sich erst am Samstag, als wir sie nicht mehr brauchten; Leider hatte am Freitag niemand von uns ihre Kontaktdaten), sehe ich dabei nicht als Nachteil, auch wenn ich die Zahnärzte Daniyar und Nursultan immer wieder etwas antreiben musste, mir auch zu übersetzen, was sie mit dem Chef des Depots diskutierten. Wir kriegten hier wenigstens Preisangaben, wenn wir konkret danach fragten. So haben wir eine Preisvorstellung für Material, das noch zu bestellen sein wird.

 

Natürlich ist der Katalog der OC auch online und wenn unsere Kollegen in Kirgistan etwas versierter wären mit den digitalen Medien und etwas progressiver, dann hätte man diese Bestellungen längst online erledigen können.

 

Der zweite Einkaufs-Besuch in Bishkek war in einem kleinen Büro einer Vertreterin von AO (American Orthodontics, USA). Die ältere Dame dort war uns ausser zum Tee servieren keine Hilfe: Nebst vier Zangen und coolen „Ansteck-Smilies“ hatte sie nichts auf Lager und über die Preise aus dem veralteten AO-Katalog weiss ich bis heute (bald einen Monat nach dem Heimflug) nicht bescheid. Mal sehen, ob der versprochene Kostenvoranschlag noch eintrifft, via Daniyar zu mir...

 

Nach ermüdender Arbeit hatten wir uns den Besuch in der russischen Banja (Sauna) verdient, ein wunderbares Erlebnis! Und dann zurück ins sehr angenehme Hotel Onyx.

 

Weil Daniyar erst zu spät realisiert hatte, dass er auf seiner Bankomat-Karte (mit Geld von der Stiftung) ein Tageslimit nicht überschreiten kann, hatte er am Freitag nur die wenigen Waren bezahlen können, die wir direkt hatten mitnehmen können. Am Samstag überliess ich es den jungen Kollegen, erneut zum Händler zu fahren, um dort den bereits früher ausgesuchten Autoklaven (Sterilisations-Gerät) zu bezahlen, abzuholen und gleich via Taxi nach Osh überführen zu lassen. Weil sich unsere Kieferorthopäden aber auch das Verhandeln mit dem Chef des Dentaldepots nicht gewohnt sind, musste ich dann doch auch noch einmal dort vorbei und ihm via mehrerer Telefonate (die englischsprachige Angestellte Olga erreicht den Boss noch, der bereits im Weekend war) klar machen, dass wir gutes Geld bezahlen, dafür aber auch gute Qualität und vor allem einen guten Service erwarten!!! Ich hoffe er hat das nun begriffen, genau so wie unsere Kollegen, die künftig Lieferungen kontrollieren müssen und gegebenenfalls auch reklamieren! So sind wir hoffentlich alle um viele Erfahrungen reicher und fliegen gegen Abend an diesem Samstag zurück nach Osh.

 

Am Montag ging es in Osh wieder an die Arbeit: Inzwischen habe ich unseren Kollegen gelernt Foto-Dokumentationen der Patienten zu erstellen und diese auf dem aufgetriebenen Laptop in der installierten Kieferortho-Software abzuspeichern und zu verwalten. Es hatte auch alles mehrere Anläufe gebraucht und etwas Druck meinerseits, aber nun haben wir alle Freude, dass es läuft. Ich hoffe wir verlieren die Daten nicht, bevor Daniyar sich um die vereinbarte Datensicherung gekümmert hat auf diesem improvisierten Praxiscomputer.  Ein Ziel wäre auch, sich online auszutauschen und Behandlungsschritte zusammen zu diskutieren. Mal sehen, ob es mit dem Internetzugang in der Kieferorthoklinik dieses Jahr noch etwas wird.

 

Den Willen des Spitals, mit dem Projekt in jeder Beziehung weiter zu machen hat mir der stellvertretende Spitalleiter mehrfach kund tun können.

 

Ein Abschiedsabend beim angehenden Kieferorthopäden Nursultan mit seiner ganzen Familie und auch zusammen mit seinen Schwiegereltern, also Dr. Eshiev (der Kieferchirurge) und seiner Frau ist der herzliche Abschluss der Gastfreundschaft, die ich in Kirgistan erleben durfte.  Auf eine Fortsetzung im kommenden Frühling freue ich mich ebenso wie das Osh-Team!

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Für Interessierte hier der Link zum Bericht der SI, die zusammen mit Sarina Arnold die Klinik in Osch besucht hatte:

http://stiftung-zuversicht.ch/images/pdf/201408_SIArtikel.pdf

Auch „Blick“ und „20 Minuten“ berichteten darüber oder sehen Sie einen der Filmberichte dazu: 

http://www.srf.ch/sendungen/fortsetzung-folgt/staffel-2015/das-model-und-die-aerztin

 

 

 

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